Depeche Mode The Dark Side Of The Mode (Kulturnews, 2005) | dmremix.pro

Depeche Mode The Dark Side Of The Mode (Kulturnews, 2005)

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The Dark Side Of The Mode
[Kulturnews, Oktober 2005. Text: Stefan Woldach. Fotos: Unbekannter.]
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“Playing The Angel” ist das dunkelste Album in der 25-jahrigen Band-Geschichte von Depeche Mode. Dabei schien Sanger Dave Gahan die Schatten der Vergangenheit langst hinter sich gelassen zu haben.

Kulturnews: Dave, im vorfeld kursierte das Gerucht, das Album became den Untertitel “Schmerz und Leid in unterschiedlichen Tempi”. Was ist da dran?

Dave Gahan: Das war sogar der ursprungliche Titel des Albums! Wahrend der ersten Aufnahmesession kam ein Manager unserer Plattenfirma vorbei, wollte wissen, ob wir schon einen Titel hatten. Hatten wir naturlich nicht. Ich habe dann gescherzt: “Es geht wie ublich um Schmerz und Leid.” Und der Typ erganzt: “Vermutlich in verschiedenen Tempi.” Und das lassen wir jetzt auf die Ruckseite des Albums drucken.

Kulturnews: Gibt es es etwa wieder dustere Wolken am Horizont von Depeche Mode? Mussen wir angesichts von Titeln wie “A Pain That I’m Used To”, “Suffer Well” oder “The Sinner In Me” wieder Angst um dich haben?

Gahan: Nein, das muss heute keener mehr. Obwohl diese Songs naturlich reflektieren, was in unserem Leben vor sich geht. Nimm zum Beispiel unsere Beziehungen. Martin Gore lebt gerade in Scheidung von seiner Frau, und einige seiner Songs zeigen, dass dies eine sehr schmerzvolle Angelegenheit ist.

Kulturnews: Du hast erstmals eigene Songs fur ein Depeche-Mode-Album beigesteuert. Was hast du dir von der Seele geschreiben?

Gahan: Zum Beispiel, dass ich noch immer keine Gefuhle zulassen kann. Es gibt diese Seite in mir, die ein wenig seltsam ist. Ich konnte nie einen Song uber den euphorischen Beginn einer Beziehung schreiben, wo alles toll und rosarot ist. Solche Liebeslieder sind sooo lahm. Ich schreibe lieber daruber, wie sich eine Beziehung verandert, entwickelt…

Kulturnews: …oder endet. Ein Song uber Schmerz und Tragik wurde zu dir passen.

Gahan: (lacht) Konnte stimmen. Aber ein Ende ist auch immer ein Anfang. Und ich habe keine Angst mehr von neuen Anfangen.

Kulturnews: Aber du hast auch mal gesagt: “Ich scheine nicht in der Lage zu sein, die schonen Seiten des Lebens zu akzeptieren, sondern ich gebe mir alle Muhe, diese zu zerstoren…”

Gahan: Ich kann nur schwer mit der Liebe umgehen, die mir entgegengebracht wird. Egal, ob von meiner Familie oder Freunden. Vielleicht bin ich im Leben einmal zu oft enttauscht worden. Ich habe ja eigentlich alles. Ich erfahre Liebe, aber ich nutze dieses wundervolle Angebot oft nicht, well ich vieles nicht an mich heranlasse. Ich habe Angst, meine Seele zu offnen und mich vollig hinzugeben – um nicht enttauscht zu warden. Mein Leben ist dadurch schwieriger, als es sein musste. Vielleicht legit der Grund in irgendeiner Schuld in meinem Unterbewusstsein, tief eingegraben in meiner Kindheit. Ich weiß es nicht.

Kulturnews: Was sagt eigentlich deine Frau dazu?

Gahan: Sie gibt mir einen Klaps! Sie versucht mich aufzumuntern und geradezurucken. Sie ist der einzige Mensch, dem gegenuber ich mich so zeigen kann, wie ich wirklich bin. Wir sind uns in dieser Hinsicht sehr ahnlich, Es ist kein Zufall, dass du nich mit Menschen umgibst, mit denen du Gefuhle teilen kannst.

Kulturnews: Bis hin zur absoluten, wahren Liebe?

Gahan: Niemand kann sagen, dass irgendetwas fur die Ewigkeit ist. Ich denke, wer solche Worte benutzt, ist schmalzig, altmodisch, unrealistisch. Ich kann das nict Ernst nehmen. Ich glaube nicht daran.

Kulturnews: Als du Mitte der 90er fast an deiner Drogensucht gestorben warst, schreiben alle uber deine Schwache. Spater aber war kaum etwas daruber zu lessen, wie du deine Starke wiedergefunden hast.

Gahan: Obwohl ich damals eine verdammt harte Zeit durchlebt habe, hatte ich immer noch das Gefuhl, mein Leben selbst andern zu konnen. Es gab allerdings ein paar ganze kurze Moment, an denen ich meinen Lebenswillen verloren hatte. Das hat mir verdammte Angst gemacht. Als ich an diesen Punkt, spurte ich aber sofort, wie verzweifelt ich leben wollte. Das hat mir die Kraft gegeben, mich wieder aus disem Lock herauszuziehen. Heute ist mir bewusst, dass ich mir all diese Locher selbst gegraben habe.

Kulturnews: Im Vorfeld des Albums war von Streit zwischen dir und Martin Gore zu lessen. Weil er jetzt nicht mehr der alleinige Songwriter ist?

Gahan: Ich finde kunstlerischen Streit sehr gesund und forderlich – wenn es um Ideen geht. Nicht aber, wenn’s ums Ego geht. Das war in der Vergangenheit mein Problem. Ich habe nie klar genug gesagt: Hier, ich habe einige Ideen, ich brauche deinen Input, ich mochte, dass du mir hilfst. Ich have es einfach nicht uber die Lippen bekommen. Zu diesem Album hab’ ich das nun zum ersten Mal formuliert – und wurde mit offenen Armen empfangen.

Kulturnews: Witzigerweise klingen deine Songs, als hattest du schon immer fur Depeche Mode geschreiben.

Gahan: Nun, ich hatte uber die Jahre hinweg einen wirklich guten Lehrer! Was ich von Martin gelernt habe: Manchmal reicht eine kleine Phrase, ein Reim, un dich zu beruhren. John Lennon war ein Meister darin. Seine Doppeldeutigkeiten, seine Interpretationsmoglichkeiten sind wirklich groß. Wenn du dich in dieser Form mitteilen kannst, ob uber Euphorie oder Schmerz – das ist die hochste Form.

Kulturnews: Kann man sich eigentlich nach 25 Jahren uberhaupt noch neu erfinden? Oder reicht es, das kleine Kunststuck, das einem mal beruhmt gemacht hat, immer wieder neu und verlockend zu verpacken?

Gahan: (denkt lange nach) Es ist wirklich nicht immer moglich, sich neu zu erfinden. Aber ich glaube, dismal ist es uns gelungen.

Playing The Angel erscheint am 17. Oktober.
 
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